Golvet (*)

Der Guide Michelin hat mit seiner neuesten Ausgabe Berlin weitere „Sternerestaurants“ beschert. Berlin wird damit zur Hauptstadt des kulinarischen Breitensports. Während Hamburg und München in der Spitze mit Dreisternern aufwarten, bleibt Berlin bescheiden und ohne kulinarischen Leuchtturm. Trotz Raue und Otto wirbt Berlin eher um den Durchschnittsfeinschmecker.
Natürlich möchte ich Ihnen gerne diese neuen Sterne näherbringen und habe mich daher entschlossen zunächst das Restaurant Golvet aufzusuchen.
Warum zuerst das Golvet?
Einer der Gründe liegt in der Person des Restaurantleiters und Sommeliers Benjamin Becker. Wir kennen ihn aus den „Einsunternull“, wo er gekonnt die puristischen Kreationen aus der Küche mit passenden Weinen begleitet hat.

Ein weiterer Grund liegt in der Person von Björn Swanson, der mit dem Inhaber der 40seconds Group, Thorsten Schermall, das Projekt Golvet angegangen ist und vielversprechend umsetzt. Swanson war bereits in bekannten Berliner Restaurants
tätig, u.a. im Alten Zollhaus bei Herbert Beltle, im Facil bei Michael Kempf sowie im Fischers Fritz.
Im Golvet arbeitet Co-Küchenchef Michael Schulz an seiner Seite, der seine prägenste Zeit bei Kolja Kleeberg im Vau hatte.

Björn Swanson (links) und Michael Schulz (© Bernhard Steinmann)

Das Restaurant ist mit etwa 80 Plätzen reichlich groß bemessen. Das Interieur ist eher bescheiden zu nennen, es ist relativ dunkel, Spots erhellen die Tische.

Jedenfalls hat man einen wunderbaren Blick auf Berlin, wenn man nicht wie ich die Fenster im Rücken hat. Man sieht den Potsdamer Platz und alles drumherum, schön beleuchtet in der Nacht. Für uns etwas langweilig, da wir in dieser Stadt wohnen und es täglich zu Gesicht bekommen. Auch sollte sich der zu Übertreibungen neigende Berliner, der seine Stadt im gleichen Atemzug mit Paris oder gar New York nennt einmal kritisch fragen, wieso man in Berlin aus dem 8. Obergeschoß auf eine Stadt blicken kann. Die Berliner Stadtplanung hängt eher an der Traufhöhe und weniger an einer Skyline.


Die Küche grüßt mit einer Kreation von
Walnuss, Cranberry, Tofucreme und geröstetem Blumenkohl und dem Hinweis, dass das Besteck auf dem Messerbänkchen aufbewahrt werden muss, da ein Wechsel nicht vorgesehen ist. Auch gut.


Stör
Geräucherte Tranche vom Stör mit Wirsing, sauer eingelegten Kartoffeln, Vodka 23 & Imperial Kaviar

Taubenleber „ungestopft“
Terrine von der Taubenleber mit Meerrettich, rote Bete, Brunnenkresse & Miso


Kaisergranat
Gebratener Kaisergranat mit Zitronengras, Butternut-Kürbis, Banane & Dal


Zander
Pochierter Müritz-Zander mit Salz-Zitrone, Fenchelpollen & Koriander-Pflaume


Wildente
Brust von der Nantaiser Ente mit Blaukraut, PX-Essig & Knödel Á la „Polnisch“

Eine sehr gelungene Kreation. Geschmacklich äußerst klug zusammengestellt. Die Boudin noir passte hervorragend dazu.

Grünkohl, Mandelmilch, Banane, Kokosnusssorbet


Quitte
Dessert von der Quitte mit Ayran, Kreuzkümmel

Wein und Service:

U.a.:
2015 Luis Anxo Rodriguez Vazquez, Ribeiro Viña de Martín Os Pasás Blanco, España
2015 Vino Bianco „Riva Arsiglia“, Giovanni, Menti
2015 Weissburgunder, Weingut Kopp, Lösslehm, Baden
2016 Manila, Grüner Veltliner, Martin Nittnaus
2015 Trispol, Mesquida Mora, Mallorca

Die Weinkarte ist nicht nach Ländern geordnet, sondern nach den wesentlichen Eigenschaften der Weine. Die Kategorie „Kraft und Körper“ beispielsweise, weist auf tiefgehende, vollmundige und kernige Weine hin.

Wir entscheiden uns dennoch für die Weinbegleitung.
Lisa Karsten präsentiert die Weine überaus sachkundig und engagiert.
Die Weinbegleitung passt hervorragend zu den Speisen und verdient ein Sonderlob.

Der Service insgesamt ist entspannt und freundlich.

FAZIT:

Ich habe bewusst darauf verzichtet jeden der einzelnen Gänge ausführlich zu beschreiben. Die Gerichte sind fein austariert, geschmacklich klar erkennbar, ohne übertriebene Schärfenoten, schmackhaft und aromatisch.

Auf der Homepage des Restaurants (http://golvet.de) wird eine „kompromisslos produktbezogene Küche abseits von kurzlebigen Trends oder Effekthascherei“ annonciert.
Klappern gehört halt zum Handwerk. Wobei Handwerk und Kreativität tatsächlich im oberen Berliner Einsternebereich liegen. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.

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